Opel: Abrissbirne ab 2020?

In der aktuellen UZ gibt Jörg Kullosa einen Einblick zum Stand bei Opel. Zwei Prozent Gewinn ab 2020 und ab 2026 sogar sechs Prozent sind die Ziele für Opel unter dem PSA-Dach. Bei der „Sanierung“ der französischen PSA wurden die Löhne schon mal vier Jahre eingefroren und Überstunden geschrubbt. Ist das die Richtung bei Opel oder die gewerkschaftliche Forderung: Arbeitszeitverkürzung statt Stellenabbau?

Angespannte Ruhe
Opel-Kollegen warten auf das Zukunftskonzept

Von Jörg Kullosa UZ Ausgabe vom 25. August 2017

Seit dem 1. August ist der Deal perfekt: der französische Automobilkonzern PSA (Peugeot, Citroen, DS) hat Opel/Vauxhall von der bisherigen Konzernmutter General Motors übernommen. Nun hat das Opel-Management hundert Tage Zeit, um ein Zukunftskonzept vorzulegen, das Opel wieder in die Gewinnzone bringt. Opel schreibt seit 1999 Verluste und war schon mehrfach kurz vor dem Verkauf bzw. der Insolvenz.
Bei der Entwicklung des Zukunftskonzepts lässt PSA den Opel-Bossen freie Hand – eine Tatsache, die von vielen Opel-Kollegen als Befreiungsschlag wahrgenommen wird. Endlich sind wir das Gängelband der Konzernmutter General Motors los und können selbst zeigen was in uns steckt, hoffen die Kollegen. Hartnäckig hält sich auch das Gerücht, dass GM Opel künstlich mies gerechnet hat und die Verluste gar nicht existieren. Daher verbinden viele Beschäftigte große Hoffnungen mit der Übernahme durch PSA.
Dabei sind die Vorgaben, die PSA macht, viel deutlicher und strenger: PSA wird keine roten Zahlen tolerieren. Opel soll den „Turn­around“ zu zwei Prozent Gewinn bis 2020 vollziehen. Für 2026 soll eine satte Gewinnmarge auf den Umsatz von sechs Prozent erreicht werden. PSA-Chef Tavares hat immer wieder undiplomatisch betont: „Das Einzige, was Mitarbeiter schützt, ist Gewinn.“ Was das konkret für die rund 38 000 Beschäftigten bei Opel/Vauxhall bedeutet, weiß momentan niemand. Wenn Ende 2018 der tariflich gesicherte Kündigungsschutz für die Kollegen in Deutschland ausläuft und die von GM zugesicherten Produktionsaufträge, die eine Auslastung der drei deutschen Werke in Rüsselsheim, Eisenach und Kaiserslautern bis 2020 garantieren sollen, abgeschlossen sind, spätestens dann befürchten viele die Abrissbirne.
Die Angst ist berechtigt. Denn ein weiterer Satz von Tavares, den auch das Opel-Management wiederholt hat, lässt aufhorchen: die Sanierung von PSA ab 2012 soll als „Blaupause“ für Opel dienen. PSA hat ein Sanierungsprogramm hinter sich, das weitestgehend auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen wurde. So wurden insgesamt 22 000 Arbeitsplätze abgebaut, die Löhne über vier Jahre eingefroren, Überstundenzuschläge von 45 Prozent auf 25 Prozent reduziert, die wöchentliche Arbeitszeit auf bis zu 44 Stunden erhöht, Nachtarbeit und Flexibilisierung (z. B. durch Jahresarbeitszeitkonten) deutlich gesteigert. Dies wurde durch sogenannte „Wettbewerbsabkommen“ mit den Gewerkschaften an den einzelnen Standorten erreicht – im Gegenzug gab es Standortgarantien.
Ähnliche „Abkommen“ oder besser „Erpressungen“ sind auch für die Opelaner zu befürchten. Denn die durch den Zusammenschluss von Opel und PSA erwarteten jährlichen Synergien von 1,7 Mrd. Euro kommen nicht von ungefähr. Vor allem die gemeinsame Entwicklung und Produktion von Fahrzeug-Plattformen, deren Modelle sich zwischen den Marken dann nur im Feinschliff unterscheiden, wird in Entwicklung, Einkauf und Produktion viele doppelte Strukturen überflüssig machen. Und Überkapazitäten machen erpressbar.
Das wissen auch die Kollegen, und so schwanken sie zwischen Hoffen und Bangen. Gerade in den Bereichen, die aktuell wenig Arbeit haben, gibt es viele Sorgen und Ängste und gleichzeitig ein großes Ohnmachtsgefühl: „Das wird hart werden, aber was können wir schon tun?“. Ältere Kollegen hoffen auf einen versilberten Abschied mit Abfindungsprogrammen, andere orakeln den völligen Niedergang herbei, wieder andere halten sich selbst für unersetzlich. Es wird auf andere Abteilungen und Bereiche gezeigt und dort Einsparpotential gesehen. Manche schreiben ganze Werke ab. Aber allen ist klar: dieser Deal wird nicht ohne Folgen bleiben.
Stimmen für ein gemeinsames, solidarisches und kämpferisches Herangehen an die kommenden Herausforderungen hört man jedoch nur wenige. Die IG Metall hat bislang keine standortübergreifende Diskussion um Strategien und mögliche Kampfmaßnahmen organisiert, geschweige denn eine Verständigung mit den Beschäftigten und Gewerkschaften bei PSA. Die Verhandlungen führt der IG Metall-Betriebsrat hinter verschlossenen Türen, ohne Einbeziehung der Vertrauensleute. Die Kollegen werden so mit ihren Ängsten alleine gelassen. Und so hält man still, wartet und hofft, es wird jemanden anders treffen. Das ist bei Opel seit dem Fallenlassen der Bochumer Belegschaft schon fast traurige Tradition.
Ein kleiner Hoffnungsschimmer: Es gibt erste zaghafte Versuche von Vertrauensleuten, die lähmende Passivität zu überwinden, eine Diskussion über standortübergreifende Haltelinien anzustoßen und das Thema „Arbeitszeitverkürzung statt Stellenabbau“ in die Belegschaft zu tragen. Die Zeit wird zeigen, ob diese Ansätze sich in den IG-Metall-Strukturen bei Opel durchsetzen können.

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